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13.3.2010 : 18:35

Weihnachtsgeschichten im Weihnachtsbüro

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Weihnachtsgeschichten von Sebastian Jüngel

Sebastian Jüngel: Der Hirte und die Könige

© Sebastian Jüngel

Seit Tagen war schon viel Schnee gefallen und hatte die Stadt in dicke, weiche Watte gepackt. Gedämpft klangen die Geräusche, dumpf war das Empfinden der Menschen, sonst hätten sie dort in der Ecke, wo der Schnee weniger hinwehte, ihren Bruder sitzen sehen. Er fror erbärmlich, denn sein Gewand war für diesen Winter nicht gemacht. Gestützt auf einen dicken Ast, mit dem er in Müllkörben und Containern nach Übriggebliebenem stocherte, war er nur etwas von seinem Hund gewärmt, dessen Flöhe sich ob der Kälte tief in seinem Fell versteckten und dort auf Änderung der Verhältnisse warteten. So saß er und beobachtete die Menschen, selbst ein einfacher Mensch.

Als er in seiner Trostlosigkeit seinen Blick von den Menschen weg nach oben wandte, hob sich vom Himmel der leuchtende Schriftzug ‹Labor für feintechnische Produktion› ab. Was aber bedeutete dieses Zeichen? «Ich will fragen, was es damit auf sich hat», sagte sich der Menschenbruder, stand auf und trat mit seinem Hund in das Foyer des großen Unternehmens mit der Leuchtschrift.

Wohlig warm war ihm das Foyer. Lange schon hatte er die Hülle der Wärme, ihr zartes Streicheln der Haut, nicht mehr gespürt. Und auch die Flöhe im Fell seines Hundes fühlten sich sichtbar wohl und turnten mit Luftsprüngen auf dem Fell herum.

Doch es dauerte nicht lange, da stand vor dem Menschenbruder ein kräftiger Wachmann: «Das ist hier keine Wärmehalle!»
«Wiewohl», gab der Menschenbruder zur Antwort, «wiewohl ich die Wärme Ihres Foyers sehr zu schätzen weiß, so bin ich doch nicht ihretwegen zu Ihnen gekommen.»
«Sie werden hier auch kein Almosen beziehen können!»
«Auch danach begehrt es mich nicht...»
Weiter kam er nicht. «Mann, sehen Sie nicht, dass Sie hier am falschen Platz sind. Wir sind hier ein Laboratorium, da herrschen Sauberkeit und Reinheit. Machen Sie, dass Sie fortkommen!»
 «Ich will Ihnen hier gar nicht zur Last fallen», erwiderte der Menschenbruder.
«Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Ihnen gern draußen vor der Tür meine Frage stellen.»
Der Wachmann brummte. Doch war ihm das Angebot annehmbar. War der stinkende Schmutzkerl mit seinem verflohten Hund erst einmal draußen, würden die Vorschriften des Laboratoriums eingehalten sein. Und mehr hatte er nicht durchzusetzen.

«Was gibt es denn?», fragte der Wachmann draußen, nun freundlicher.
«Ich sah vor dem Himmel die Leuchtschrift ‹Labor für feintechnische Produktion› und wollte fragen, wie ich das zu verstehen habe.»
«Moment», bat der Wachmann, «ich werde die Wissenschaftler fragen. Wenn Sie hier bitte warten würden.»
Und in diesem Moment kam dem Wachmann eine Idee, wie er die Vorschriften des Labors mit Menschlichkeit verbinden könnte und bat den Menschenbruder ins Foyer zurück.
«Nehmen Sie aber bitte eine Decke über sich und den Hund, die Sterilitätsvorschriften, Sie verstehen...»
Mit diesen Worten zeigte der Wachmann auf die Feuerlöschdecke im roten Kasten. «Aber es brennt doch nicht.»
«Nehmen Sie nur», ermutigte ihn der Wachmann.
Und so kauerte sich der Menschenbruder, sich und seinen Hund in einer Feuerlöschdecke eingeschlagen, auf den Boden des Foyers.

Der Wachmann suchte die im Laboratorium verbliebenen Wissenschaftler auf. Sie waren dem Wachmann gegenüber ungemut, da er doch dafür sorgen sollte, dass sie niemand in ihren empfindlichen Untersuchungen und in ihren komplexen wissenschaftlichen Erwägungen stören würde. Einmal unterbrochen, fanden sie indes die von ihm vermittelte Frage herausfordernd genug und geeignet, die Tauglichkeit ihrer Modelle unter Beweis zu stellen.

Sie bestimmten die Eckpunkte der Anfrage, die sie mit einem ihrer Modelle deuten wollten, von einem anderen aber als Zielpunkt einer Hochrechnung nahmen. Auf unabhängigen Wegen ermittelt, würde eine etwaige Übereinstimmung der Ergebnisse eine hohe Sicherheit für ihre Richtigkeit garantieren. Doch am Ende waren die Wissenschaftler ratlos. Das eine Modell hatte schlicht festgestellt: «Heut' ist Weihnachten», das andere: «Stolz wird Demut, Schutz Interesse, Beobachtung Tätigkeit.»

Den Wachmann kümmerte das Ergebnis wenig; er hatte seine Aufgabe erfüllt und ging zum Menschenbruder, der währenddessen in der wohligen Wärme ein wenig gedöst hatte.
«Die Wissenschaftler haben ein Ergebnis ermittelt, das sie allerdings selbst nicht verstehen», berichtete der Wachmann dem Menschenbruder.
 «Und?», fragte er nach.
«Nun: ‹Heut' ist Weihnachten› und ‹Stolz wird Demut, Schutz Interesse, Beobachtung Tätigkeit.»
«Das ist, was geschehen ist», stellte der Menschenbruder fest. «Ich will also nicht länger darauf warten, dass etwas geschieht.»
Der Menschenbruder erhob sich, dankte dem Wachmann für seine Hilfe und ging entschlossen hinaus in die kalte Nacht, gefolgt von seinem Hund, dessen Flöhe sich wieder tief in das Fell zurückzogen.

Zurück blieb der Wachmann, dem Menschenbruder und seinem Hund nachsehend. «Was hat er gesagt? Er wolle nicht länger warten, dass etwas geschieht. Dann stand er auf und ging. Was soll nur das wieder bedeuten?», sann der Wachmann lange nach. «Verflixt», rief der Wachmann. Ein Floh hatte ihn gebissen.

Sebastian Jüngel schreibt unter anderem Märchen für Kinder und Erwachsene. Seit seinem Debüt mit der Erzählung ‹Der leere Spiegel›› (Pressemitteilung) Nachfrage an seinen Märchen und Kursen dazu. Darunter vom Deutschen Zentrum für Märchenkultur, dem Weihnachtsbüro, der Improtheatergruppe Watn-da-los? und der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie. Kontakt: sebastian.juengeldasgoetheanum.ch.

Sebastian Jüngel : Weihnachtsengelkinder

© Sebastian Jüngel

Wenn es auf Erden dunkel wird und die Menschen den Schutz ihrer Häuser aufsuchen, so ist es oben im Himmel doch nicht gleichermaßen. Ein helles, mildes Licht breitet sich hier aus, ein Licht, das eine feine Musik in sich trägt. Und darauf freuen sich die Engelkinder immer ganz besonders, spielen, jubeln, tanzen, singen, dass es auch für all die anderen Himmelsbewohner eine einzige Wonne ist.

«Engelkinder, seid nun stille!», mahnte sie der strenge Posaunenengel des Erzengels Gabriel.

«Was ist denn?! Warum störst du unser Spiel?», riefen die Engelkinder aufgeschreckt durcheinander.

«Habt ihr etwa vergessen, was heute zu tun ist?» fragte sie der Posaunenengel ernst.

«Es ist gerade so schön, wir haben gesungen, gespielt, wir haben das Werk Gottes gefeiert, und dann kommst du...»

«Höret», unterbrach sie der Posaunenengel. «Höret, was ist Gottes Wille: Auf die Erde nieder steiget bald, Sankt Niklaus steht dort bereit. Bringt ihm mit das Christuskind, dass der Mensch es finden könnt'.»

Was blieb den Engelkindern übrig? Wenn schon der strenge Posaunenengel zu ihnen geschickt wird, ist es wirklich höchste Eisenbahn, die eigenen Aufgaben zu erfüllen. Und schließlich waren sie ja die Weihnachtsengelkinder. Und so unterbrachen sie eben ihr Spielen, Jubeln, Feiern und betteten das Christkind in ihre noch zarten, federweichen Flügel und senkten sich langsam, damit das Christkind nicht erschüttert werde, auf die Erde nieder.

Hier, auf der Erde, wo es anders als im Himmel ganz dunkel war und kalt und hart, da saßen in der Stube die Menschenkinder und bastelten Sterne, knoteten Fäden an pralle, rote Äpfel und was sie sonst in der Schule gelernt hatten, um das Weihnachtszimmer zu schmücken. Die Menschenkinder waren voll Erwartung, was ihnen wohl die Weihnacht diesmal bringen würde. Und als sie ihre Basteleien fertig hatten, sie den Baum geschmückt und all die Scheren, Kleber, Stifte, Fäden, Nadeln beiseite geräumt hatten, da entdeckten sie, dass auf dem Weihnachtsbaum der Stern fehlte. Was waren sie da niedergeschlagen! Hatten sie doch an alles gedacht, hatten sich gut vorbereitet, hatten überlegt, was sie brauchten, hatten alles dafür Nötige besorgt - und nun fehlte ausgerechnet der Stern!

Noch während sie traurig zur Spitze des Weihnachtsbaums blickten, senkten sich gerade die Engelkinder mit dem Christkind zur Erde nieder. Und da, wo die traurigen Blicke der Menschenkinder mit dem Weg der kleinen Himmelsboten zusammentrafen, da bildete sich ein wunderschön strahlender, mild leuchtender, Hoffnung spendender Stern, wie ihn die Menschenkinder noch nie gesehen hatten.

«Wir vertrauen euch das Christkind an», sprachen die Weihnachtsengelkinder zu den Menschenkindern. «Dass ihr auch lieb zu ihm seid», brummte Sankt Niklaus und stieß mit seinem Stab auf die Erde, dass es im Zimmer hallte und all die Sächelchen in den Schränken schuckelten und klapperten. «Ich werde jedes Jahr wieder zu euch kommen und sehen, wie ihr euer Versprechen einhaltet.»

«Aber, lieber Sankt Niklaus, warum so strenge?», fragten die Menschenkinder verwundert. «Wir haben dich doch noch nie, in keinem Jahr, enttäuscht.»

«Das stimmt allerdings», murmelte dieser anerkennend in seinen Bart und beugte sich zart dem Christkind zu.

Da setzten die Menschenkinder an zu singen: «Lieb Kindlein zart, die Erd' ist hart, doch weich das Herz, löst auf den Schmerz, dass wir dich preisen und willkommen heißen - und so mit jedem Menschen.» Und da freuten sich die Engelkinder über den Gesang und es war ihnen, als wären sie im Himmel. Und so ergriffen sie die Hände der Menschenkinder und tanzten mit ihnen am Weihnachtsbaum mit dem edlen Stern.

Als aber die Weihenacht vorüber war, lagen die Menschenkinder schon in ihren Betten. Um Abschied zu nehmen, hauchten die Weihnachtsengelkinder ihnen einen zarten Kuss auf die Wange. «Nun aber los!», brummte Sankt Niklaus, der schließlich Sorge für die Engelkinder auf der Erde zu tragen hatte. «Wart‘ noch», baten sie. «Was ist denn noch?», knurrte Sankt Niklaus, ein bisschen unruhig, da er nach dem Dienst in den Stuben der Menschen noch seine Aufgaben draußen in der Welt für jene Menschen erfüllen wollte, die kein Obdach haben, die den Schutz seines Mantels brauchten.

«Warum», fragten ihn die Weihnachtsengelkinder, «warum müssen wir das Christkind eigentlich jedes Jahr wieder zu den Menschen bringen?» «Ja, sagt einmal», lächelte nun unverhofft der Alte, «habt ihr es denn nicht bemerkt, wie sich die Menschenkinder darauf freuen?» Und würden die Menschen all ihre Kinder so lieb jedes Jahr - als wären sie neu geboren - empfangen, wie wäre das ein großes Fest auf Erden!

 

Sebastian Jüngel schreibt unter anderem Märchen für Kinder und Erwachsene. 2006 erschien im Ogham-Verlag seine Erzählung ‹Der leere Spiegel› (Pressemitteilung). Kontakt: sebastian.juengel(at)dasgoetheanum.ch

 

Sebastian Jüngel: Schwester Agathe

Lesen Sie hier die letzte Geschichte der Trilogie von Sebastian Jüngel.

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Auszug:
... "Kurz darauf hielt die Tür dem ganzen Gerüttel nicht mehr stand und flog auf. Honeypenny bot sich ein einmaliger Anblick: das Botenkänguru Yolanda und das Silbermottengeschwader, das sich normalerweise um die Inspektion der Sauberkeit im Hochhaus kümmerte, kämpften vor der Bürotür mit André, dem Putzfrettchen. André leitete die Weihnachtsstiefelputzabteilung und versuchte offensichtlich, zu Miss Honeypenny zu gelangen, während Yolanda und die Motten versuchten, ihn zurückzuhalten. Als die Tür aufsprang, hielten die Streithähne augenblicklich inne, und über ihren Brillenrand hinweg konnte Honeypenny ein Reiterstandbild der besonderen Art bewundern: das Frettchen balancierte wie ein Zirkus-Kosake auf dem Rücken des Kängurus, das sich mit Schwanz und Fäusten in den Türrahmen klemmte, um den Durchgang zu verriegeln, während die Motten unübersehbar Sturzflüge auf André ausführten, die dieser abwehrte wie King Kong die Doppeldecker auf dem Empire State Building. Nur hatte André keine blonde Frau in seinem pelzigen Pfötchen, sondern links eine eingefangene Motte und rechts seinen Polierlappen für Weihnachtsstiefel. Für einen Augenblick herrschte völlige Stille. „Siehst du, jetzt hast du sie doch gestört!", zischte das Känguru. „Stimmt, das hat er", pflichtete die Chefsekretärin ihr bei. „Und da es nun Mal so ist: sagt mir vielleicht jemand von euch, was hier los ist?" „Er ist nicht da!", rief das Frettchen ohne Zögern. „Wer ist nicht da?", wollte Honeypenny wissen. „Wenn er angekommen ist, geht er immer zuerst in die Weihnachtsstiefelputzabteilung, um seine Stiefel putzen zu lassen, immer! Bevor er irgendwo anders hingeht, direkt vom Rentierlandeplatz! Und jetzt müsste er schon längst da sein, aber er ist nicht da!", keuchte das Frettchen aufgeregt. „Von wem bitte sprichst du?", fragte Honeypenny. André schluckte. „Von wem? Von wem? Na vom Weihnachtsmann!" ... Bezug - 15 Euro zzgl. Versand 3 Euro, über das Weihnachtsbüro