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Zimmer frei im Lebenslauf
Zimmer frei im Lebenshaus
Weihnachtsgeschichte in 26 Folgen
© Sebastian Jüngel, Dornach, 2009
29. November 2009 - 1. Advent
Rau kratzte der Streichholzkopf über die Zündfläche, erst widerstrebend, dann in kleiner Explosion sich entzündend. Kaum brannte die Kerze, sprang Flammerich ins Feuer: «Ach, tut das gut!» Flammerich stand eine schöne Zeit bevor: immer wieder frische Flammen, immer wieder erneuerte Kerzen - nie sonst im Jahr gab es so viel zu genießen wie in der Advents- und Weihnachtszeit.
Am Tisch saßen außerdem Peter und Sophie mit ihren Eltern. Auch sie genossen, nämlich die frisch gebackenen Plätzchen, und erfreuten sich an der blühenden Amaryllis, deren edle Blüte wie ein Lampion alle überragte. Die Mutter hatte sie zum ersten Advent besorgt, damit sie das Leben im grauen November nicht vergessen.
Als die Mutter die Keksdose öffnete, entstieg ihr eine Wolke süßer Düfte, von Zucker und Mehl, von Zimt und Honig, von allerlei Zutaten der Weihnachtsbäckerei. Sophie hatte das erste Mal mithelfen dürfen. Während Peter den Teig ausgerollt hatte, hatte Sophie mit den Formen die Plätzchen aus dem Teig gestanzt und jedes Mal gestaunt, wie aus der langweiligen Teigfläche nach und nach eine Gemeinschaft von Sternen, Monden, Häusern, Männchen und Schafen entstanden war.
30. November 2009
Der Vater sah entspannter aus als in den letzten Tagen. Er hatte seine Arbeit verloren, was ihm keine leichte Erfahrung war, wiewohl er natürlich freudig bemerkte, wie sehr sich die Kinder über seine Anwesenheit freuten. Feiertags blieb für den Vater alles wie sonst: Dass man dann zu Hause ist, war normal, wenn man nicht gerade als Busfahrer oder Krankenschwester Dienst hatte. Am Werktag aber wurde dem Vater bewusst, dass er keinen sicheren Platz mehr in der Gesellschaft hatte.
In der Stille
Herrscht das Helle,
Herrscht, wem unsre Liebe gilt.
Erst wenn alle Menschen glücklich,
Ist Sein Wille dann erfüllt.
Froh sein, helfen, wer in Not,
So füllen wir der Menschheit Boot.
Das Lied erregte im Vater einen besonderen Widerhall. Bislang ausgefüllt von Familie und beruflicher Verantwortung, hatte er nun in seinem Lebenshaus Zimmer frei. Das war schmerzlich, denn leere Zimmer waren ihm Ausdruck von Armut. Und arm wollte er auf keinen Fall sein - nicht gegenüber seiner Familie.
Der Vater wurde von einem Geräusch in seinen Gedanken gestört: die Kuckucksuhr im Kinderzimmer. Sie schnarrte zu den merkwürdigsten Zeiten, Peter nannte es «krähen».
1. Dezember
«Kommt, lasst uns hinausgehen!», spornte die Mutter die anderen an. «Wir wollen doch schließlich fit bleiben.»
Als die Mutter die Gesichter ihrer Lieben sah, zögerte sie:
«Wollt ihr denn etwa sitzen bleiben? Kommt, jeder nimmt noch ein Stück. Und dann geht's los!» ...
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2. Dezember
Die letzten Sätze hatten die Eltern nicht mehr gehört. Sie wollten schließlich nicht den Anschluss zu Peter und Sophie verlieren, die längst um die Ecke verschwunden waren. Aha: Statt in die Natur strebten sie in die Stadt, zur Geschäftsstraße. Welch ein Anblick bot sich hier!...
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3. Dezember
«Da, sieh mal», rief Sophie und lief in Richtung Zuckerwatte. Die Eltern schauten sich an. Ihr Blick sagte: Eigentlich hatte es ja heute genug Süßes gegeben, doch etwas Weihnachtliches würde zur Stimmung passen - wohlbemerkt: etwas Weihnachtliches, aber keine Ganzjahreszuckerwatte....
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4. Dezember
Als Sophie am nächsten Morgen in die Küche kam, sah sie erbärmlich drein.
«Sophie, was hast du denn?», fragte die Mutter besorgt. War Sophie krank? War sie traurig?
«Alles weg», sagte Sophie bloß.
«Alles weg?»....
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5. Dezember