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10.12.2018 : 12:08

Weihnachtsgeschichten im Weihnachtsbüro: Die fortgesetzte Weihnachtsgeschichte (Klaus- Peter Renneberg)

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Solange die phantasievollsten Geschichten der Welt von Disney und ähnlichen immer mehr verkitscht werden, können Geschichten wie diese hier durchaus nützlich sein.

„Hallo! Haaalllooooo! Hallo Ebenezer! Bist du da? Bist du bereit?"
„Wer bist du? Schon wieder ein Geist der Weihnacht?"
„Bitte wer? Ein Geist der Weihnacht? Was ist das für ein Unsinn?"
„Vor nicht ganz einem Jahr suchten mich drei Geister heim. Der Geist der vergangenen Weihnacht, der Geist der Weihnacht und der Geist der künftigen Weihnacht. Und jetzt erscheinst du mir. Und zwar ebenso plötzlich, wie diese drei. Und da dachte ich ..."
„Ach so. Nein, nein! Ich bin kein Geist irgendeiner Weihnacht. Ich bin der Tod."
„Der Tod, oh Gott ... Du willst mich also holen?"
„Ja, deine Stunde ist gekommen Ebenezer Scrooge."
„Ja, das hatte mir der Geist der künftigen Weihnacht, also der Weihnacht die jetzt kommen soll, prophezeit. Er zeigte mir mein Grab. Aber ich hatte gehofft, durch Mildtätigkeit und Barmherzigkeit könnte ich mein Schicksal abwenden."
„Interessant, drei Geister, die erscheinen einfach so und einer kann dir deinen Tod prophezeien. Das ist bizarr und äußerst disziplinlos. Aber es hat etwas sehr Originelles an sich."
„Was soll das heißen? Disziplinlos? Originell?"
„Ich bin nicht ganz sicher. Wie genau passierte das alles?"
Ebenezer Scrooge erzählte seine Geschichte ... (nachzulesen bei Charles Dickens)
„Haha! Das ist gut! Das ist brillant!"
„Was bitte ist gut und brillant? Was soll das heißen?"
„Ach, die Jungs hatten eine Prüfungsaufgabe und haben sich wohl einen Scherz daraus gemacht, die Sache ein wenig auszubauen, was eigentlich nicht gestattet ist."
„Welche Jungs? Was für eine Prüfungsaufgabe? Was soll das alles heißen?"
„Na gut, ich will es dir erklären. Also: Der Tod zu sein, ist ein ganz normaler Ausbildungsberuf."
„Der Tod ist ein Ausbildungsberuf?"
„Natürlich! Hast du geglaubt, deine Existenz endet mit dem Ende deines irdischen Leibes?"
„Ja. ?äh nein! Also ich war nie besonders eifrig in der Kirche, die Geschäfte eben. Also Seele, Himmel und Hölle, das war da immer wieder Thema. Und natürlich habe ich der Kirche gespendet. Aber geglaubt ..."
„Ist nicht so schlimm, wenn du es nicht geglaubt hast. Es kommt ja eh, wie es kommt und wie es in den Akten steht."
„Was steht in den Akten?"
„Na, was einer für einer ist und wann er stirbt."
„Du meinst, das Schicksal des Menschen steht in euren Akten?"
„Ja. Zumindest die wichtigsten Eckdaten. Zuweilen kommt es auch ein wenig anders, aber im Wesentlichen stimmt es schon:"
„Und was steht über mich drin?"
„Na zunächst erst einmal, dass du heute, also genau jetzt stirbst."
„Oh Gott. Und was noch?"
„Du willst bestimmt nicht wissen, was darin steht. Du bist nur neugierig, was mit dir wird."
„Und was wird mit mir?"
„Das steht nicht in den Akten. Ich wäre auch nicht befugt es dir zu sagen."
„Und wozu bist du befugt?"
„Dich zu holen. Dich vorzubereiten auf die nächsten Dinge, die da kommen."
„Und was kommt?"
„Die Verhandlung, das Urteil und dann ... tja irgendwas zwischen Hölle, normalem Beruf und Himmel. Aber das entscheidet erst der Richter."
„Was für ein Richter?"
„Also gut, ich muss von vorn beginnen. Also: Wenn ein Mensch stirbt, wird seine Seele frei von seinem Körper. Dann gibt es drei grundsätzliche Möglichkeiten. Entweder sie landet in der Hölle, oder sie kommt in den Himmel. Das passiert aber nur ganz wenigen Auserwählten. Die meisten, der Durchschnitt sozusagen, müssen einen Beruf ausüben. Da gibt es Richter, Wächter für die Hölle, Propheten, Landschaftsarchitekten, Sternenanzünder und was weiß ich nicht noch alles, bis hin zu ganz normalen Reinigungskräften. Und diesen Beruf erlernt man und übt ihn aus, bis diese Form der Existenz wieder endet."
„Wie und wann endet denn diese Existenz?"
„Woher soll ich das wissen? Ich bin ja noch mitten drin. Und die Chefs halten sich absolut bedeckt in der Frage. So etwa, wie Euch gegenüber mit dem Tod."
„Aha, und der Tod ist auch so ein Ausbildungsberuf?"
„Genau. Du kannst dir vorstellen, dass mit steigender Bevölkerungszahl auch der Bedarf an Seelen wächst, die sich um die Heimholung der Seelen der frisch Verstorbenen kümmern müssen. Und dazu wird man ausgebildet und dann macht man das eben, so wie ich."
„Und was sind nun die Richter für welche?"
„Das sind Leute mit untadeligem Lebenslauf. Eigentlich sind sie alle recht verbittert, denn bei ihnen fehlte in der Regel nicht viel und sie wären in den Himmel gekommen."
„Und was bedeutet das, in den Himmel zu kommen?"
„Weiß ich nicht. Soll aber toll sein."
„Und was ist nun mit meinen Geistern der Weihnacht?"
„Das waren natürlich keine Geister. Ich glaube, Geister der Weihnacht gibt es gar nicht. Aber so genau weiß das keiner. Das waren Auszubildende für den Tod. Für den Tod werden Leute mit einem guten Schuss Humor genommen. Aus irgendeinem Grund werden da sogar Briten bevorzugt. Na ja, jedenfalls erklärt sich das mit dem Humor aus der Natur der späteren Aufgabe. Und die drei hatten eine Belegarbeit über die Interpretation einer Akte in Vorbereitung des Todes zu erarbeiten. Und das war deine Akte."
„Und woher weißt du das?"
„Ich war ihr Mentor. Ich hatte die Akte aus meinen künftigen Fällen ausgewählt. Die drei hatten mir eine These vorgelegt, man könne bei rechtzeitiger Läuterung eines Menschen sein künftiges Schicksal beeinflussen. Ich hatte ihnen verboten, Experimente zu machen. Wir haben einen pietätvollen Auftrag zu erfüllen und nicht die Welt zu heilen. Sie aber scheinen sich über mein Verbot hinweggesetzt zu haben. Auf jeden Fall ist das mit Läuterung großer Quatsch. Das funktioniert nicht."
„Aber bei mir hat es funktioniert. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich bin barmherzig und mild. Ich habe mit meinen Spenden vielen geholfen. Ohne mich und meine Läuterung wäre der kleine Tim sicherlich gestorben."
„Ich kenne jetzt zwar seine Akte nicht, aber ich glaube, er wäre auch so nicht gestorben. Irgendein mildtätiges Wesen außer dir hätte sich seiner angenommen. Und außerdem, Ebenezer, muss ich dir widersprechen. Das ist mir zwar unangenehm, immerhin hast heute einen großen Tag, aber du irrst dich gewaltig. Du bist der geblieben, der du immer warst."
„Nein! Ich bin gut geworden!"
„Ebenezer! Ich bitte dich, echauffiere dich nicht. Du bist in einer erhabenen Stunde. Seien wir uns dessen stets bewusst. Und außerdem muss ich dich fragen: Wie hast du Tim geholfen? Hast du ihn zu dir aufgenommen? Hast du seine Launen ertragen? Hast du seine stinkenden Verbände gewechselt? Hast du sein beschmutztes Bettzeug gewaschen? Hast du ihn, wenn er einen Anfall hatte und schweißgebadet ins Kissen wimmerte, an dein Herz gedrückt? Nein! Du hast ihm geholfen, wie es halt eine Krämerseele tut. Du hast ihm mit Geld geholfen. Gut. Dieses Geld war der Familie und damit Tim tatsächlich eine Hilfe. Aber du hast dir das Leid anderer immer fern halten können und dennoch den Ruhm eines Barmherzigen eingehandelt. In der Frage deiner Be- sowie Verurteilung wiegt deine boshafte Krämerseele genau wie deine freigiebige Krämerseele nur als Krämerseele. Das hatten die drei Auszubildenden übersehen und das hast du auch übersehen. An deiner Akte hat sich zumindest nichts geändert."
„Aber, es waren doch so viele um mich herum glücklich."
„Du wolltest sie doch mit deiner Freigiebigkeit glücklich sehen, oder?"
„Ja, das wollte ich."
„Und du warst weiter freigiebig, wenn sie glücklich schienen, oder?"
„Ja, aber ich glaube sie waren es auch."
„Und wie wäre das: ÔÇÜNa komm her Timmy und nachher, wenn der Scrooge kommt, dann humpelst du wieder richtig. Aber vergiss nicht, über alle vier Backen zu strahlen. Dann macht der bestimmt gleich einen Fünfziger locker.'"
„Aber so war es nicht."
„Nein Ebenezer! Du willst nicht, dass es so war. Aber warum sollten Leute, denen eine Geldquelle sprudelt nicht alles unternehmen, damit die Quelle nicht versiegt?"
„Du hast recht, Tod."
„Und du bist schon wieder eine Krämerseele. Ein einfaches Vorrechnen reicht, deine Meinung umzustoßen."
„Du hast recht, Tod."
„Nun gib mir nicht andauernd Recht! Hast Du ein Glück, dass du gerade stirbst. Ich glaube ich könnte sonst ganz schön sauer auf dich sein."
„Aber sagtest du nicht, die Leute für den Tod hätten Humor?"
„Hatten, Ebenezer, sie hatten Humor. Das war sozusagen die Voraussetzung. Es ist keine Bedingung, ihn zu behalten."
„Das heißt, du hast keinen Humor? Du kannst nichts tun, mich in dieser schweren Stunde aufzuheitern?"
„Ich soll dich aufheitern? Ebenezer! Ich bin der Tod! Ich heitere nicht sonderlich auf. Ich könnte es dir allenfalls etwas leichter machen."
„Und wie?"
„Indem wir es schnell hinter uns bringen."
„Dann bringen wir es hinter uns. Und wie?"
„Lass mich nur machen ... So und nun ab zum Richter ..."

„Name?"
„Ebenezer Scrooge."
„In Ordnung! Na dann wollen wir mal in die Akte sehen. Soso ... Aha ... Eieieiei ... Ah ja ... Na gut. Ebenezer Scrooge! Das Urteil lautet: Unterer Durchschnitt, kaufmännische Begabung, verurteilt zu 4ACX!"
„Und was heißt das?"
„Verurteilt zu Ausbildung und Beruf."
„Ich komme nicht in die Hölle?"
„Warst du bedeutend oder berühmt?"
„Nein, zumindest nicht allzu sehr."
„Na also!"
„Und ich komme auch nicht in den Himmel?"
„Warst du wichtig?"
„Für den kleinen behinderten Tim schon!"
„Ach je! Tim! Das hat dein Herz gerührt!"
„Ich glaube, es wurde nicht nur mein Herz gerührt."
„Na schön. Dann verurteile ich dich zu 4ACX mit 10 Minuten Rührung täglich."
„... Danke ... Und was für einen Beruf erlerne ich jetzt?"
„Woher soll ich das wissen?"
„Aber ihr seid doch der Richter. Ihr urteilt. Also müsst ihr doch die Konsequenz des Urteils kennen!"
„Das muss ich nicht."
„Aber, ihr lest einfach nur die Akten und verurteilt, ohne euch der Konsequenzen bewusst zu sein?"
„Ich glaube, Ebenezer, du bist auf dem besten Weg, das hiesige Rechtssystem zu verstehen."
„Wenn ihr damit meint, dass hier Unrecht geschieht, dann verstehe ich das System wohl."
„Schade, du hast es also doch nicht verstanden. Sieh, Ebenezer, du warst Kaufmann. Du hast in Bilanzen Aktiva und Passiva gegenüber gestellt. Du hast Gewinne und Verluste aus den Büchern gerechnet. Und dann hast du Schlüsse gezogen, ohne ihre genauen Konsequenzen zu kennen. Und dies tatest du in dem, was du für Gut und was du für Schlecht hieltest. Und genauso wird hier über dich geurteilt. Aber sei beruhigt. Ich bin Richter. Es kann dir also gar kein Unrecht widerfahren. Ich bin sicher, dass 4ACX etwas ist, was deiner Natur liegt. Eigentlich hätte ich dir auch eine 4ADX aufbrummen können. Aber da morgen Weihnachten ist, will ich mal nicht sein. Bedanke dich artig und scher dich raus, ich hab noch mehr zu tun."
„Danke Herr Richter. Ich geh dann mal."
Und die Seele von Ebenezer Scrooge ging einer ungewissen Zukunft entgegen."

Ende: Der Tod, der Ebenezer holte, ist heute noch tätig. Die drei Auszubildenden erhielten ein Disziplinarverfahren mit einer saftigen Strafe und als Belohnung für ihre Originalität die Streichung einer saftigen Strafe. Ebenezer Scrooge wurde ausgebildet und ist heute als Tannenzapfenzähler im Paradiesgarten tätig. Vor einigen Tagen stieß er beim Tannenzapfenzählen mit einer Gestalt zusammen, die ihn aufforderte sich zu entfernen.. Als Ebenezer auf seinen Beruf hinwies, entgegnete ihm die Gestalt, dass das alles recht nett wäre, aber er sei der Geist der Weihnacht und müsse sich auf seinen nächsten Einsatz konzentrieren. Nun also läuft ein Verfahren gegen Ebenezer Scrooge wegen Tätlichkeit. Das Urteil steht noch aus.