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17.12.2018 : 15:13

Pilot (Copyright Annette Paul)

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin

„Wie kommst du in diesem Jahr auf die Almhütten?", fragte Engelchen besorgt. Es war schon recht spät, doch der Weihnachtsmann musste noch mehrere kleine Dörfer besuchen, bis er für diesen sturen Senner, der auch im Winter auf dem Berg blieb, Zeit hatte.

„Wir fliegen in diesem Jahr."

„Fliegen? Dort ist doch gar keine Landebahn."

„Brauche ich auch nicht. Lass dich überraschen."

Sobald sie wieder im Weihnachtsdorf waren, schnappte sich der Weihnachtsmann seinen Sack, der inzwischen fast leer war und marschierte mit großen Schritten zu dem Platz hinter den Hütten.

Dort stand ein prächtiger roter Hubschrauber.

„Ich habe im letzten Sommer den Pilotenschein gemacht", erklärte der Weihnachtsmann. Vor Stolz wurde er gleich ein Stückchen größer.

Er öffnete die Tür und hielt sie galant für Engelchen auf. Dann stieg er ein, befestigte einen Kopfhörer, stellte alle möglichen Knöpfe an und startete. Langsam brummte der Motor und wurde immer lauter. Schließlich drehte sich der Rotor schneller und schneller, dann hoben sie ab.

Sie flogen über verschneite Wälder und Felder, Dörfer und Städte. Erst über flaches Land, dann wurde es gebirgiger, schließlich befanden sie sich im Hochgebirge.

Es begann zu schneien. Der Scheibenwischer hielt die Scheibe frei. Sie flogen durch Täler, doch schließlich mussten sie einen Pass überwinden. Sie schraubten sich höher und höher. Oben flogen sie weiter zur Almhütte. Das Schneetreiben wurde dichter. Durch den weißen Vorhang konnten sie die Hütte schon vor sich liegen sehen. Plötzlich geriet der Hubschrauber in Turbulenzen. Ein Fallwind erfasste sie und drückte sie hinunter.

Hektisch drückte der Pilot auf Knöpfe, zog Hebel, doch der Hubschrauber drehte sich um sich selber, taumelte wild, dann ging es abwärts. Immer schneller, immer steiler. Kurz bevor sie aufprallten, sprang Engelchen aus der Kabine und flatterte nach oben.

„Jetzt verlässt er mich auch noch", murmelte der Weihnachtsmann.

Bildete er es sich ein, oder fiel er tatsächlich langsamer? Der Aufprall war nicht ganz so heftig, wie befürchtet. Der Weihnachtsmann hob ab, wurde vom Gurt festgehalten und plumpste unsanft in den Sitz zurück, dann wurde er zur Seite geschleudert. Endlich kamen die Trümmer zur Ruhe. Der Weihnachtsmann brauchte eine Weile, um sich zu besinnen. Lebte er noch? Er bewegte die Finger vor seinen Augen. Dann löste er den Gurt und kroch auf allen vieren durch die zerbrochene Frontscheibe hinaus, da der Hubschrauber auf der Seite lag und die jetzt über ihm liegende Tür unerreichbar für ihn war. Kurz bevor er draußen war, fiel ihm das Geschenk für den Senner ein. Er drehte sich noch einmal um, langte hinter den Pilotensitz und zog den Sack heran. Dann schob er sich ins Freie. Der Hubschrauber war auf einem freien Schneefeld gelandet. Ein Teil hatte sich in den Schnee eingegraben. Ein paar Meter weiter und er wäre in den Bäumen hängengeblieben. Er schaute sich um. Wie kam er von hier fort?

Engelchen hockte auf einem nackten Felsen. Er humpelte zu Engelchen. Es war leichenblass. Auf dem Gesicht standen noch Schweißperlen. Das Hemdchen war zerrissen und nicht mehr reinweiß, sondern grau mit schwarzen Streifen. Die langen blonden Haare standen zerzaust ab, statt wohlgeordnet auf Kopf und Schultern zu liegen.

Schlagartig wurde ihm klar, warum es nicht mehr so steil abwärts gegangen war.

„Danke!", murmelte er und umarmte Engelchen.

Es zuckte schmerzhaft zurück. „Wie kommen wir jetzt hier weg?", fragte es. Da erst sah der Weihnachtsmann, dass die Federn seiner Flügel gebrochen und ausgerissen waren.

Er zog sein Handy und drückte verschiedene Tasten. Hoffnungslos, sie saßen in einem Funkloch. Er sah die Wand hoch. Es gab einen Weg, der sich in Serpentinen hochschlängelte.

„Wir laufen." Der Weihnachtsmann stand auf, glättete seinen Umhang, schulterte den Sack und nahm Engelchen an die Hand.

...

Aus: „Weihnachtsmann hat noch mehr Stress" von Annette Paul

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